Vorläufer der BR 120 und des ICE.

von Manfred Richter

 

 

Schon in den 60iger Jahren zeigte sich, dass man mit der Entwicklung von diesel-elektrischen Lokomotiven die Grenze des Machbaren erreicht hatte.

Um Lokomotiven mit hoher Leistung und hohen Geschwindigkeiten bauen zu können, musste man den bisherigen Entwicklungsweg verlassen und völlig neue Wege gehen.

1965 vereinbarten Henschel in Kassel und BBC in Mannheim in Eigenregie, ein völlig neues Triebfahrzeug zu entwickeln, wobei Henschel den kompletten Mechanteil und BBC die komplette elektrische Ausrüstung der Lok planen und bauen sollte.

Das obige Foto zeigt die 3 gebauten Diesellokomotiven. Entsprechend ihrer Farbgebung wurden sie "Roter Ochse, Weißer Riese und Blauer Bock" genannt.

Den "Weißen Riesen" habe ich öfters im BBC - Werk Käfertal - Süd, neben dem Hochspannungsprüffeld gesehen. Diese Lokomotive wurde, wie man später sehen kann, für die weiteren Umbauten zur ersten Drehstromlokomotive herangezogen.

Diese Lokomotive sollte :

  • Baukastenartig aufgebaut sein
  • leicht sein
  • universell einsetzbar sein
  • eine hohe Leistung haben
  • hohe Geschwindigkeiten fahren können
  • eine möglichst kontaktfreie, elektrische und verschleißfreie Ausrüstung haben
  • Fahrdraht unabhängig sein.

Es folgten viele Jahre intensiver Entwicklungsarbeit an beiden Standorten.1971 war es dann soweit. Im Henschel - Werk Kassel, wurde das fertige Produkt mit den Namen "Henschel – BBC - DE 2500" vorgestellt.

Diese dieselelektrische Lokomotive mit der ersten Drehstromleistungsübertragung in moderner Halbleitertechnik, ist die Ur - Lokomotive aller heutigen Drehstromlokomotiven und Triebwagenzüge, bis hin zum modernsten ICE 3.

Die Leistungsübertragung erfolgte durch einen zum V6 MAN -aufgeladenen Dieselmotor ( 2500 PS ) gekuppelten Drehstrom - Synchrongenerator, mit nachgeschaltetem Gleichrichter für die Gleichspannungszwischenkreisbildung und daran nachgeschalteten Pulswechselrichtern ( PWR ), die die Asynchron - Fahrmotore speisten.

Alle Hilfsaggregate hatten eigene Umrichter. Gesteuert und geregelt wurde die gesamte elektrische Loktechnik von einer Mikroprozessor - Steuerung , System Micas, von BBC.

Die eingesetzte E - Technik von BBC für die Antriebsmotore, war nahezu kontaktfrei.

Erklärung zur Energieerzeugung :

Der Generator liefert Drehstrom, der von nachgeschalteten Gleichrichtern in Gleichstrom ( Gleichspannungszwischenkreis ) umgeformt wird. Die Gleichspannung wird von den nachgeschalteten Puswechselrichtern ( PWR ) wieder in Drehstrom umgeformt. Die an den PWR angeschlossenen Drehstrom - Fahrmotore werden durch Spannungs- und Frequenzänderung in der Drehzahl und somit die Lokomotivgeschwindigkeit verändert bzw. geregelt.

Im Gegensatz zu den bisherigen schweren Wechselstrom - Fahrmotoren mit ihren wartungsintensiven Kollektoren und Bürsten sowie schweren Wendepolen, brachten die Drehstrom - Antriebsmotore eine erhebliche Gewichts- und Wartungseinsparung.

Der fast quadratische selbsttragende Fahrzeugkasten stützte sich auf je 4 Schraubenfedern und 2 Stoßdämpfer pro Drehgestell ab. Beide Drehgestelle - drehzapfenlos - sind mit je einer gummigelagerten Lenker - Zug - bzw. Druckstange zur Fahrzeugkastenmitte hin verbunden ( Ein Drehgestell zieht, während das andere Drehgestell drückt ). Die Antriebsräder haben keine Backen- sondern je Achsantrieb 3 innenbelüftete Scheibenbremsen.

Diese Lok erhielt von der DB die Baureihenbezeichnung 202 002. Mit ihr wurden zahlreiche Mess- und Testfahrten unternommen. Des öfteren konnte man sie vor Regel-Reisezügen sehen.

1974 wurde die Lok einem größeren Umbau unterzogen. Der Dieselmotor, Generator, Gleichrichter und die Kühlanlage wurde ausgebaut und durch ein Ballastgewicht ersetzt. Der Lokomotive wurde ein Steuerwagen mit Dachstromabnehmer angehängt. Im Steuerwagen wurde die Hochspannungschalteinrichtung, der Leistungstransformator, die PWR und die Hilfsbetriebe sowie die Leit- und Steuerungstechnik installiert. Zwischen Lok und Steuerwagen wurden die Leistungskabel und Steuerkabel als "Nabelschnur" verlegt. Zusätzlich erhielt der Steuerwagen ein Messabteil.

Die Lok konnte sowohl von dem Steuerwagen als auch von einem Lokführerstand gesteuert werden. 

Somit war aus der ursprünglichen dieselelektrischen Lokomotive eine Elektro- Lokomotive geworden. Die Energieversorgung erfolgte nun von dem Stromabnehmer über den Trafo des Steuerwagens, zu den PWR und weiter zu den Antriebsmotoren im Triebfahrzeug.

Aufgrund der von BBC entwickelten Vierquadrantensteller ( 4-QS ) war es möglich, Drehstrommotore in der Drehzahl zu regeln.

Mit dieser Technik war diese zur Elektrolok mutierten dieselelektrischen Lokomotive, weltweit die erste Lokomotive die mechanische Energie ( Bremsenergie ) in elektrische Energie umformen und in die Oberleitung einspeisen konnte.      

Ich war damals Inbetriebnehmer in der Automationsgruppe für große Schiffsantriebe ( von 12.500 bis 84.000 PS ), im gleichen Geschäftsbereich Verkehr von BBC, wo diese Lok geplant, die E-Technik gebaut und getestet wurde. Dieses seltsame Gespann stand öfters für Test- und Messzwecke unweit unseres Labors. Ich hatte dadurch des öfteren die Möglichkeit mir dieses "Gespann" zu betrachten.

Das folgende Foto zeigt dieses Gespann einer Lokomotive, dass aus einer Lok und einem Personenwagen bestand.

  

Auch dieses Gespann konnte man bei verschiedenen Testfahrten vor Personen- und Güterzügen sehen. 1977 wurde diese Lok nochmals umgebaut und trug nun einen Dachstromabnehmer. Sie fuhr dann als Versuchselektrolokomotive mit der Bezeichnung 1600 P, bei der Niederländischen Staatsbahn. Gesteuert wurde Lok von Bundesbahn Lokführern mit Unterstützung von holländischen "Lotsen." 

  

1972 bauen Henschel und BBC zwei weitere dieselelektrische Lokomotiven, die von der DB die Betriebsbezeichnungen 202 003 und 202 004 erhielten. Beide Loks wurden, wie auch der "Weiße Riese," auch für Messzwecke und Änderungsarbeiten zur nahen BBC, im Bw Mannheim stationiert. Hier wurden alle Loks intensiven Fahrtests mit unterschiedlichen Zügen eingesetzt. Die Lok 202 003 war die einzige von den 3 Versuchsloks, in Bo'Bo' - Ausführung.

Das folgende Foto zeigt den "Roten Ochsen" der Baureihe 202 003.

Hier zeichnete sich schon die Entwicklungsrichtung zu einer 4achsigen Universal- lokomotive für alle Einsatzbereiche mit hohen Geschwindigkeiten ab. Für diese Lok entwickelten Henschel und BBC gemeinsam eine sogenannte integrierte Antriebseinheit, bei der Fahrmotor, Getriebe, eine Scheibenbremshohlwelle mit einer Kardan- Gelenkhohlwelle als Antrieb, zum Radsatz zusammengebaut sind.

Diese Einheit ( Massenreduzierung ), zweifach im Drehgestell, brachte eine erhebliche Verbesserung der Laufeigenschaften in den Geraden und Schienenbögen. Ein weiterer Vorteil war, dass man diese neue Antriebseinheit, auch während der Fahrt, entweder an den Drehgestellrahmen oder an den Lokomotivkasten gesteuert an- oder umkoppeln konnte - Erhöhung der Laufstabilität durch Verminderung der ungefederten Masse des Antriebsblockes im Drehgestell. Diese ursprünglich "Roter Ochse" genannte Lok, bekam dann später für Hochgeschwindigkeitsversuche einen einseitigen, stromlinien günstigen Bugwulst mit einer auf den Antrieb bezogenen zusätzlichen Bezeichnung "UmAn". Sie hatte nun einen blauen Anstrich.

Das folgende Foto zeigt die Lok mit einem angehängtem Messwagen.

Um ihre Kurvengängigkeit zu testen, war die Lok ( noch ohne Bugwulst ) auch auf der Strecke Landstuhl - Kusel mit ihren teilweisen engen Kurvenradien unterwegs.

Bei Hochgeschwindigkeitsfahrten auf DB - Strecken, wurden problemlos 250 Km/h gefahren. Bei einem Höchstgeschwindigkeitsversuch auf einen von BBC gebauten Rollenprüfstand in München - Freimann wurden 310 Km/h erreicht.

Sie war damit die schnellste dieselelektrische Lokomotive der Welt.

 Die blaue Lok hat ihren Platz im Museum für Technik

und Arbeit, in Mannheim gefunden.

Die Urlokomotive 202 002 steht heute vor dem Bombardierwerk in Kassel.

Das folgende Foto zeigt die Lok 202 003 im Berliner Museum.

Führerstand 2 derselben Lok.

Das Modell in Spurweite H0, bekommt man im Dezember 2016 bzw. Januar 2017 von Bachmann Liliput. Die Lok in Ganzmetallausführung, hat einen 21-poligen ESU Lokpiloten-Decoder. Die Lok gibt es  in Wechsel- und Gleichstromausführung. Diese Lok mit dem  Originalnamen "Roter Ochse" hat die Bestell-Nr. L 132056 in Wechselstromausführung.

 

 Die mögliche andere Farbgebung, trägt den Originalnamen "Blauer Bock" und hat die Bestell-Nr. L 132057 in Wechselstromausführung. UVP jeder Lok: 339 €.

 

Diese DE 2500 von Liliput wurde 2017 auf der Messe in Nürnberg gezeigt. Bestellnummer in Ws-Ausfürung ist die L 132059. Die Produkte der ersten Fahrzeuglieferung aus Hongkong war offensichtlich so schlecht, dass nun der Verkauf der DE 2500 nicht vor dem Sommer 2017 erfolgt.

 

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